Von den Meridianen und dem Reich der Mitte

Seit fast 1000 Jahren vor Christus gibt es den Begriff vom „Reich der Mitte“. Dieses Reich der Mitte bezeichnete schon früh die geografische Lage vieler kleiner Länder und Fürstentümer am Gelben Fluss, neben dem Yangtse einer der wichtigsten und bedeutsamsten Flüsse Chinas. Diese sogenannten „Staaten der Mitte“ bildeten den Kern des heutigen China und es entwickelten sich weitere kleinere Staaten darum herum und so wurde aus den Staaten der Mitte das „Reich der Mitte“. Aus der rein geografischen Sichtweise dieses Begriffes entwickelte sich bald auch eine kulturelle Sichtweise. China galt sowohl von der Innenansicht her als auch von der äußeren Betrachtung anderer Länder als kulturell hoch entwickeltes und angesehenes Land.

Den Begriff der Mitte können wir im Zusammenhang mit dem Land China auch in einem ganz anderen Kontext darstellen. In der ursprünglichen chinesischen Gesundheitslehre gab es eine sogenannte „Medizin der Mitte“. Um diese Denkweise zu verstehen müssen wir etwas ausholen und die 5 Wandlungsphasen etwas genauer analysieren. Die 5 Wandlungsphasen sind auch unter dem Begriff der 5 Elemente bekannt und zu diesen Elementen gehören das Holz, Feuer, Erde, Metall und das Wasser. Jedem dieser Elemente sind entsprechend der chinesischen Organlehre jeweils 2 Organe zugeordnet, dem Feuerelement sogar 4 Organe. Zum Element Erde gehören die Organe Milz und Magen. Den Elementen zugeordnet sind ebenfalls die Himmelsrichtungen, der Osten dem Element Holz, der Süden dem Element Feuer, der Westen dem Element Metall und der Norden dem Element Wasser. Die Organe Milz und Magen, also das Element Erde, ist keiner Himmelsrichtung zugeordnet denn sie stehen sinnbildlich für die Mitte.  Im nährenden Zyklus der Wandlungsphasen reiht sich das Erdelement zwar ein, zwischen den Elementen Feuer und Metall, in der Betrachtung der Himmelsrichtungen allerdings ist dieses Element das Symbol für die Mitte. Auch die Position der Organe Milz und Magen im menschlichen Körper können wir als die Mitte betrachten. Aber was bedeutet nun die Medizin der Mitte? Wenn wir uns nun bildlich vorstellen, das Element Erde mittig platziert in einem Kreis und um diese Mitte herum die Anordnung der anderen 4 Elemente, so stehen die 4 äußeren Elemente in einer Abhängigkeit zum Element Erde. Daraus resultierend wurde in der chinesischen Medizin der Gedanke entwickelt, wenn ich die Mitte des Menschen harmonisiere, also das Element Erde, dann können auch die anderen Elemente leichter in die Harmonie zurückkommen. Auf die Organe bezogen heißt das, wenn wir Milz und Magen stärken und dort in Harmonie sind, können auch die anderen Organe leichter mitschwingen und wieder in Harmonie kommen. Die Heilung und Harmonisierung durch die Mitte kann auf verschiedenen Ebenen erfolgen, nicht nur auf der rein körperlichen Ebene, sondern auch und vor allem auf einer energetischen, geistig-emotionalen oder sogar spirituellen Ebene. Jeder von uns hat sicherlich schon einmal das Gefühl entwickelt nicht in seiner Mitte zu sein und das sich dieses Gefühl auf verschiedenen Ebenen darstellt.

In der chinesischen Medizin spielt dabei die energetische Ebene eine zentrale Rolle in der Harmonisierung der Organe und Elemente. Und diese Harmonisierung findet statt in einem groß und weit gesponnenen Netzwerk, verteilt über den ganzen Körper. Zu diesem Netzwerk gehören vor allem die 12 Hauptmeridiane, auch Leitbahnen genannt. Und diese Leitbahnen sind entsprechend den zugeordneten Organen der Elemente benannt. Für die beiden zugehörigen Organe des Elements Erde, also Milz und Magen, sind es die Milz- und die Magenleitbahn. Alle 12 Hauptmeridiane befinden sich jeweils auf beiden Seiten unseres Körpers und verlaufen in vertikaler Richtung. Jeder Meridian hat einen Anfangs- und einen Endpunkt. Diese 12 wichtigen Leitbahnen liegen recht nah an der Körperoberfläche und öffnen sich in unzähligen Punkten. Durch diese Punkte ist es uns möglich mit Hilfe von unterschiedlichen Handtechniken Einfluss zu nehmen auf die Energetik der Leitbahnen. Durch eine gezielte Einflussnahme können Blockaden und Stagnationen in den Meridianen gelöst und der Qi-Fluss angeregt und verbessert werden. Wenn wir jeweils einen Finger auf den Anfangs- und einen Finger auf den Endpunkt einer Leitbahnen legen würden, so könnten wir mit etwas Übung und Erfahrung den Energiefluss spüren, in Form von leichtem pulsieren.

Das die verschiedenen Meridiane jeweils einen Anfangs- und einen Endpunkt haben bedeutet aber nicht, dass es keine Verbindungen gibt zwischen den Meridianen. Ganz im Gegenteil, alle 12 Hauptmeridiane sind mit einander verbunden und bilden zusammen betrachtet den „Großen Himmlischen Kreislauf“. Zusammen mit weiteren Meridianen bilden die 12 Leitbahnen ein großes und einzigartiges energetisches Netzwerk im und um den Körper herum und versorgt sämtliche Organe, Muskeln und alle Bereiche des Körpers mit der Lebenskraft Qi.

Das dicht gesponnene Netz der Leitbahnen können wir ein bisschen vergleichen wie das Netz der Längen- und Breitengrade um unsere Erdkugel herum, oder wie die feinen Verzweigungen in den Blättern. Auch die Schaltungspläne von Netzwerken erinnern ein bisschen an das Netzsystem der Leitbahnen, denn auch hier müssen Energien zum Fließen gebracht werden.

Um noch einmal zurück zu kommen auf den Begriff der „Medizin der Mitte“, so können wir nun festhalten das wir über das Meridiansystem eine Möglichkeit haben Energien auszugleichen und zu harmonisieren. In welcher Form wir Einfluss nehmen auf dieses System, dass bleibt unserem Therapeuten oder uns selber überlassen. Wir können Einfluss nehmen über Akupunktur, über Tuina und anderen Hand- oder Klopftechniken oder wir können Einfluss nehmen z.B. über Qi Gong oder Taiji. Und ob wir dabei den Pfad der „Medizin der Mitte“ beschreiten oder einen anderen Weg einschlagen, dafür sollte nach Möglichkeit ein erfahrener Therapeut zur Seite stehen.

Uwe Hielscher – Qi Gong und Energetik Therapeut